Antisemitismus entgegentreten!

Aktuelle Erkenntnisse der Antisemitismusforschung und Einblicke in die persönliche Perspektive Betroffener waren Thema am Wiedtal-Gymnasium

Was ist eigentlich Antisemitismus und woran erkennt man ihn? Welche unterschiedlichen Formen gibt es? Was sind die Ursachen und warum trifft es immer „die Juden“? Diese und viele weitere Fragen hatten Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Wiedtal-Gymnasiums im Vorfeld einer Veranstaltung am 18. Februar 2026 in ihren Deutsch-, Religions- und Ethikkursen gesammelt. Der Historiker Lennard Schmidt, Mitarbeiter der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung an der Universität Trier,  und eine in Rheinland-Pfalz lebende Jüdin, die ebenfalls bei einem Forschungsinstitut zum Antisemitismus arbeitet,  beantworteten sie kompetent und anschaulich sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus persönlicher Perspektive.

Antisemitismus ist nicht ein gegen einzelne Personen gerichteter Hass, sondern eine Ideologie, die alles, was in der Welt passiert, auf das angebliche negative Wirken von Jüdinnen und Juden zurückführt. Diese Ideologie diene, so Lennard Schmidt, mehreren Funktionen: 1. der Selbstentlastung, indem die bedrohlich erscheinende Welt mit einem einfachen Konzept erklärt wird, 2. der Aufwertung der eigenen Identität und 3. der Krisenbewältigung, indem man mithilfe antisemitischer Feindbilder in einer Situation des Versagens nicht die eigene Person hinterfragen müsse. Antisemitismus sei demnach auch ein „Krisenphänomen“.

Aus persönlicher Erfahrung wurde von antisemitischen Äußerungen wie Hitler-Witzen oder Witzen über den Holocaust aus der eigenen Schulzeit berichtet und die Erfahrung geschildert, dass es von Seiten der Lehrkräfte dafür keine Konsequenzen gab.

Auf die Frage nach einer Veränderung des Antisemitismus in den zurückliegenden Jahrzehnten erklärte der Antisemitismusforscher Schmidt, dass ein latenter, alltäglicher Antisemitismus schon in der alten Bundesrepublik stets vorhanden gewesen sei. Er sei nur aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden. Als Beispiele dafür nannte er gezielte Brandanschläge auf Überlebende der Shoah in den Jahren 1969 und 1970 oder den Doppelmord an dem Rabbiner Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke durch ein Mitglied der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann in Erlangen 1980. In den letzten Jahrzehnten und ironischer Weise gerade seit dem brutalen Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 habe sich der Antisemitismus in Deutschland jedoch verstärkt und verschärft – vom subtilen, latenten hin zum allgegenwärtigen und tendenziell gewalttätigen. Im Bezug auf den 7. Oktober greife ein Mechanismus der „Schuldumkehr“. Jüdinnen und Juden würden, besonders von Linken, als Stellvertreter des Staates Israels betrachtet und für dessen Politik verantwortlich gemacht, selbst wenn sie noch nie dort waren. Der Nahostkonflikt fungiere dabei als Projektionsfläche für eigene, zuvor verdrängte Ideen. In sozialen Netzwerken würden neue antisemitische Symbole, wie etwa die roten Dreiecke als Zeichen der Hamas, verbreitet. Die jährliche Zahl antisemitischer Delikte habe sich 2023 gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt und sei von 2023 auf 2024 nochmals um knapp 22  Prozent gestiegen. Zudem würden die Straftaten immer gewaltförmiger.  Es herrsche eine zunehmende Empathielosigkeit, wenn etwa zu jüdischen Festen oder Gedenktagen Slogans wie „Free Palestine“ gepostet werden. Damit nehme der jahrzehntelang bestehende Konsens, dass Antisemitismus geächtet werden muss, immer mehr ab, und dies insbesondere im Internet.

Was kann man gegen Antisemitismus tun? Dagegen zu argumentieren sei schwer, meinten unsere Gäste, weil sich das Phänomen Antisemitismus weitgehend auf der Gefühlsebene abspiele und Menschen, die in diesem Denken verhaftet sind, oft nicht für Argumente zugänglich seien. Es komme darauf an, „ein kritischer Mensch zu bleiben, offen dafür, dass man nicht alles wissen muss und wissen kann“ und man solle „keine fertigen Muster“ übernehmen. Konkret bezogen auf den aktuellen Nahostkonflikt solle man sich also nicht dazu drängen lassen, Position zu beziehen oder etwas weiter zu verbreiten, wenn man die Hintergründe nicht genau kennt. Das Fazit der Jugendlichen zu dieser Frage lautete: Man müsse sich informieren und aufklären, Betroffene unterstützen, Zivilcourage zeigen, antisemitische Aussagen nicht unwidersprochen lassen.

Was kann die Schule tun? Sie darf antisemitische oder rassistische Vorfälle nicht verharmlosen. Sie muss dafür sorgen, dass das Gedenken an die millionenfachen Opfer des nationalsozialistischen Terrors nicht zu einer ritualisierten Formalität wird, sondern eine lebendige Auseinandersetzung mit dem Schicksal einzelner Menschen bleibt, auch wenn es einmal keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr geben wird. Und sie muss dazu beitragen, dass die heutige jüdische Kultur in Deutschland mehr Sichtbarkeit erhält, der Kontakt junger Menschen mit der jüdischen und anderen kulturellen Traditionen in unserem Land ein selbstverständlicher wird. Dies könnte der gedankenlosen, mitunter nicht einmal bewussten Verbreitung althergebrachter Stereotype speziell in den sozialen Medien entgegenwirken.

 

Für die finanzielle Unterstützung durch das Demokratie-Förderprogramm des Landes Rheinland-Pfalz bedanken wir uns sehr herzlich.

Hanna Böttcher

Waltraud Strickhausen

Foto: Marc Seul (IIA Trier)

 

Informationen zu dieser Forschungsgruppe findet man hier:

Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung | Universität Trier